Verkannte Orte: Dorsten.

Es gibt so Städte und Orte, die kennt man nicht. Man hat sie einfach nicht auf der persönlichen Landkarte. Und doch gibt es sie, haben sie eine eigene Identität, leben Menschen hier. Und handeln, engagieren und amüsieren und streiten sich. In loser Folge werden hier im Blog ein paar dieser verkannten Orte vorgestellt.

Foto: win-dor.de

Dorsten ist ein Appendix im Landkreis Recklinghausen, hat mit allen eigenen Gemeinden etwa 75.000 Einwohner. Früher, so scheint es, war hier alles besser: Bergbau, florierende Industrie, Textilfabriken, Kultur. Man sieht es noch an den wenigen, nicht im Krieg zerstörten, Altbauten im Straßenbild. Am alten Rathaus (der „Stadtwaage“ von 1567), dem Marktplatz, den üppigen Kotten im Umland. Je nach Stimmungslage empfindet man Dorsten als freundlich münsterländisch oder auch finsteres Ruhrgebiet.

Es braucht wohl einen triftigen Grund, sich ausgerechnet auf Dorsten einzulassen. Wer aber hineintaucht, wird einiges finden, das der Stadt eine gewisse Lebensqualität bringt.

Immerhin gibt es hier das älteste, dauerhaft im Betrieb befindliche, Franziskanerkloster Deutschlands, das – zugegeben – mangels weltlicher Öffnung keinen besonderen Erlebniswert bietet. Auch die Tatsache, daß Dorsten (wegen der durchfliessenden Lippe) in früheren Tagen einmal Hansestadt war, ist im Ortsgeist nicht spürbar und heute im Grunde irrelevant.

Wie überall aber finden sich auch in Dorsten Slowretailer, die sich gegen die, hier auch schon zugezogenen, Plattitüden H&M, Gerry Weber und Thalia behaupten. Der Platzhirsch Mensing hat erst vor ein paar Jahren seine beiden Herren- und Damenmode-Häuser zusammengelegt, damit räumlich erfolgreich Woolworth abgelöst, und prompt Branchenpreise eingeheimst. Das Haus ist wirklich gut gemacht und bietet in seinen Details schon mal westwestfälisch untypische Anflüge von Humor, Leichtigkeit und „story-telling„.

Foto: Dorstener Zeitung

Die Goldschmiede am Markt wird, so klein wie fein, enthusiastisch von Sabine Przystawik und Axel Baumgärtel geführt – letzterer ist auch Künstler und Fotograf – und die beiden strahlen mit den eigenen Schmuckentwürfen bis zu ihren Kunden in den rheinischen Metropolen aus. Weiter im Handel gibt es „downtown Dorsten“ Thalia-trotzende, schöne Buchläden, Sportgeschäfte und einen regionalen Wochenmarkt wo er hingehört: auf dem Marktplatz in der Altstadt. Im Umland: Spezialisten für polnische und russische Lebensmittel und die Ambition der Ansiedlung eines DORV-Ladens im Stadtteil Barkenberg. Und jede Menge Leerstand an Läden, bei weitem nicht nur Schlecker-Brachen. Warum eigentlich hat hier keiner den Mut, mal was Schönes mit Anspruch zu eröffnen? Das Einzugsgebiet ist da, die Kunden wohl auch, die Mieten ortsüblich gering.

Gastronomisch hat Dorsten immerhin zwei echte Sternerestaurants mit telegenen Köchen (Frank Rosin und Björn Freitag) und ein zu Unrecht sterneloses Old-School-Etablissement (von Leonore Henschel und Sohn) zu bieten. Dieses ist optisch herausfordernd (türkises Holz, Blumenbilder, Tischdeko á la Buddenbrooks) aber inhaltlich wie essensmäßig grandios. Und dann ist da noch die Curry 52-Station, die – im denkmalgeschützten Glaspavillon einer 50’s-Tanke – björnfreitagsche Saucen an die Wurst gibt.

Naja, und nun wird großspurig ein MediaMarkt-Neubau neben den historischen Bahnhof gesetzt – natürlich außerhalb des Stadtkerns – und ein Investor will ein trostloses 12.000 qm-Center mit dem ebensolchen Namen „Mercaden Dorsten“ ans schöne Lippe-Ufer pflanschen: dem Vernehmen nach mit großflächigem Supermarkt und den sonstigen üblichen Verdächtigen als Putzerfische. Das hat Dorsten nicht verdient.

Foto: win-dor.de

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