Die Slow Living Conference 2015.

Vor kurzem erhielt ich die Einladung, auf der diesjährigen Slow Living Conference am 17. September in Berlin als Speaker aufzutreten. Natürlich nahm ich gerne an, schließlich ist die Veranstaltung wohl die einzige, die sich explizit mit dem Thema Entschleunigung in der Gesellschaft themenübergeifend auseinandersetzt. Meine Rolle dort ist es, Slowretail vorzustellen und meine Ansätze und Projekte, den individuellen Einzelhandel wieder zu neuer Größe zu bringen.

Die Initiatoren der Slow Living Conference, Dr. Ragnar Willer und Kati Drescher, haben im Vorfeld mit mir ein Interview geführt:

Wie verändert sich eine Gesellschaft in Ihren Augen, die immer mehr Waren im Internet bestellt? Der Trend zum Online-Shopping stellt ja sozusagen den völligen Gegensatz zu Slowretail dar. Geschäfte schließen, Menschen begegnen sich weniger, die Gesellschaft vereinzelt.

Sie sagen es: wir vereinzeln. Onlineshops öffnen einen neuen Beschaffungskanal, in dem man seinen Grundbedarf decken kann – ähnlich wie im Beispiel des Lebensmittelhandels, wo es ganz früher die klassischen Kaufmannsläden gab, später Supermärkte aufkamen und zuletzt die Discounter. Alles nur unterschiedliche Formen der Warenbereitstellung und der Preisgestaltung für Standardprodukte – nun dann halt auch noch online. Ich denke, in fünf Jahren werden wir uns keine Gedanken mehr über die mühsame, wöchentliche Beschaffung von Milch, Getränken und Waschmittel machen – alles wird irgendwie immer im Haushalt sein und es wird hierfür Automatismen geben, wie wir regelmässig damit beliefert werden. So weit, so entlastend aber auch so langweilig. Wenn die Faszination des technisch Neuen, des Online- oder Mobile Shoppings, einmal verflogen ist, werden viele Kunden eine neue Sehnsucht nach haptischem Erlebnis, nach Austausch und Inspiration entwickeln. Hier kommt Slowretail ins Spiel, die Individualisierung des Einzelhandels, mit realer statt virtueller Kundenbindung. Allerdings müssen sich einige Händler der alten Generation ganz schön strecken, um ihre Läden spannend und attraktiv zu machen – gleichwohl haben sie in dieser Entwicklung meiner Ansicht nach heute eine historische Chance, dem stationären Handel eine neue Berechtigung am Markt zu geben.

Was sind Ihres Erachtens interessante Slowretail Trends, die Sie weltweit beobachten?

Ich nehme eine neue Form der Fachgeschäfte wahr – Läden, die sich aber nicht wie früher auf Branchen oder Warengruppen spezialisieren, sondern die sich an ihrer klar definierten Zielgruppe orientieren. In welcher Welt lebt mein Kunde, was kann meinem idealen Kunden alles gefallen, welche Form der Präsentation spricht ihn an, welche Serviceleistungen möchte er im Laden finden? Das sind neue Store-Typen, die sich davon freimachen, reine Warenbevorrater zu sein. Es ist sowieso ein Irrsinn, bei der heutigen Teuerung der Ladenmieten, innerstädtische Grossläger zu verwalten – das machen die Onliner auf der grünen Wiese effektiver. In den Städten erwarten Kunden künftig Unerwartetes, Qualität in der Inspiration und cleveren Service. Letztlich ist es dann fast egal, wie die Ware zum Kunden kommt – Stichwort Omnichannel.

Ist Slowretail der Gegenentwurf zur Globalisierung des Handels?

Lokalkolorit ist natürlich Teil der Slowretail-Idee. Häufig gibt es regional so spannende Produkte und Anbieter, die von den grossen Ketten oder Konsumhersteller aus dem Angebot gedrängt werden und die es verdient haben, in ihrer Umgebung konsumiert zu werden. Wir sind mit Slowretail aber keine Verschwörer gegen die Globalisierung oder Retro-Freaks. Sogenannte Marktteilnehmer sind heute nun mal alle Anbieter aus der ganzen Welt. Das drehen wir nicht zurück. Es wird aber eine neue Qualität in den Angeboten geben, die auch verstärkt selbstverständlich aus der Region kommen. Das lässt sich vielfach schon beobachten. Und erste Industrieunternehmen verlagern ihre Produktion wieder zurück von Asien nach Europa oder gar Deutschland, weil die Löhne sich langsam angleichen und der grösste Profiteur weiter Lieferwege mittlerweile die Logistiker sind. Jenseits der Discounter-Kultur ist Regionalität wieder ein Alleinstellungsmerkmal zum überbordenden Wettbewerb.

Das um Authentizität und Lokalität bemühte Konzept &other stories von H&M, Starbucks Lokalisierungsstrategie oder der Trend, dass sich globale Marken in Berlin plötzlich wie der sich um die Vielfalt der Nachbarschaft sorgende Wohltäter generieren, zeigen eigentlich wie wichtig Menschen Stadtkultur ist. Sind solche Konzepte, die Slow Living kopieren, eine Gefahr oder durchschaut der Konsument diese?

Sie unterstellen den grossen Konzernen Scheinheiligkeit – ich bin da optimistischer. Offenbar haben die Unternehmen erkannt, dass mit global uniformen Konzepten keine Kunden mehr zu begeistern sind. Insofern folgen sie doch (für sie entsprechend aufwändig in der Umsetzung) genau dem Slow Trend: Lokale Vernetzung mit Partnern und Bezug auf kulturell unterschiedliche Identitäten und Vorlieben. Alles andere wäre auch zu wenig! Das haben wir schon überstanden und nun gilt es für die kleinen, authentisch-regionalen Händler aufzuschliessen. Die Frage ist immer, wer hier von wem lernen kann. Früher haben lokale Händler versucht die Großen zu kopieren (Franchise-Systeme, Shop-in-Shops der globalen Marken) – heute ist es in Anfängen umgekehrt.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich intensiv mit Slowretail zu beschäftigen?

Ich bin mein Leben lang im Einzelhandel tätig und machte mich 2007 auf, mein Wissen in der Konzeption innovativer Einzelhandelskonzepte an andere Händler weiterzugeben. Dabei fiel mir auf, dass es kaum noch Individualität in der Handelslandschaft gab, die Innenstädte zunehmend von Filialisten und Shopping Centern dominiert werden. Da wollte ich einen Gegenpol schaffen, eine Plattform für den spannenden Handel. Inspiriert von der Slow Food-Idee habe ich dann über meinen Blog die Marke Slowretail entwickelt und freue mich natürlich über die steigende Relevanz des Themas in der öffentlichen Meinung, auch seitens der sog. Konsumenten. Vor acht Jahren stiess ich häufig noch auf Schulterzucken.

Häufig werden Konzepte, die sich um Entschleunigung, Einfachheit und Nachhaltigkeit bemühen als elitär bezeichnet. Was entgegen Sie einer solchen Argumentation?

Diese Begriffe als Lebensideal zu erreichen, ist längst nicht mehr unerschwinglich für die breite Masse. Lokale Produkte müssen nicht unbedingt teurer sein als solche, die einmal um die Welt geschickt wurden. Vielleicht aber ist allein der Wunsch danach, die Sensibilität in den Köpfen, elitär. Einfachheit wollen alle, sog. Otto-Normalos scheren sich um Entschleunigung und Nachhaltigkeit aber wohl eher weniger. Das lässt sich nicht ändern und sie werden ja weiterhin umfangreich bedient.

Welche Empfehlung würden Sie heute dem Inhaber eines Einzelhandelsgeschäftes geben?

Mut zur eigenen Marke! Viele verstecken sich noch immer hinter der Gunst der Industrie, ihrer Lieferanten. So lassen sich Kunden nicht mehr binden, weil die Produkte austauschbar und 24/7 zu nahezu jedem Preis über alle Kanäle verfügbar sind. Die einzige Chance für inhabergeführte Geschäfte ist es heute, ihre eigene Identität zu stärken – im Ladenauftritt, im Sortiment, durch lokale Serviceleistungen. Und sie sollten endlich aufhören, in 62,5 cm zu denken (dem Standardmaß für Ladenregale) und ihren Läden auch gestalterisch eine unverwechselbare Seele geben. Das schaffen die Handelsketten definitv nicht und genau hier liegt die Chance des inhabergeführten Handels.

Was bedeutet Slow Living für Sie ganz persönlich?

Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit, sich schon mal einlassen auf lokalen Konsum, Zufriedenheit und Gelassenheit, gegenseitige Empathie, das Ausleben von Individualität – und eine sicher wieder spannende Konferenz in Berlin.

Slow Living Conference Berlin, am 17. September 2015

Hier geht’s zur Anmeldung, bis 30.06. gibt es einen Early-Bird-Tarif.

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