Die Nicolaische Buchhandlung in Berlin.

Es ist der älteste Buchladen in Berlin, gegründet 1713.
Die Nicolaische Buchhandlung ist gerade von der Bundesregierung zum Ausgezeichneten Ort der Kultur ernannt worden und ist Preisträger des Deutschen Buchhandlungspreises 2016. Kurz nach dem 300-jährigen Jubiläum des Geschäfts hat Martina Tittel im letzten Jahr die Leitung übernommen, früher war sie u.a. Chefin des Kulturkaufhauses Dussmann in der Berliner Friedrichstraße und langjährige Unternehmensberaterin in Handel und Kultur.

Welchen Spaß Martina am traditionellen, lokalen Einzelhandel hat, wie die Nicolaische im Wettbewerb besteht – ein Gespräch auf der Leiter.

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Foto: Nicolaische Buchhandlung

Martina, Du hast Dein Leben lang im und für das Management im Buchhandel gearbeitet – was hat Dich getrieben, letztes Jahr operativ in die Nicolaische Buchhandlung einzusteigen?

Ich wollte wieder selbst machen und entscheiden. Als Beraterin kannst Du nichts entscheiden und als Angestellte bist Du schlussendlich weisungsgebunden. Also wurde ich Unternehmerin!

Ist der Status „Älteste Buchhandung Berlins“ eigentlich relevant bzw. attraktiv für jüngere Kunden oder ist das eher Retro-Romantik für die Älteren?

Das finden alle schick! Es ist schon was Besonderes in der ältesten Buchhandlung Berlins einzukaufen oder sogar zu deren Stammkunden zu zählen.

Eure Fläche ist mit 100 qm eher begrenzt – wie setzt Ihr Eure Prioritäten in der Auswahl, wenn täglich neue Bücher auf den Markt kommen?

Das ist in der Tat nicht so leicht. Zum einen haben wir Sortiments-Schwerpunkte gebildet, zum anderen bestimmte Sortimente, für die wir kein oder nur wenig Publikum haben, ganz weggelassen. Diesen Mehrplatz haben wir verwandt, um in den Schwerpunkten mehr Kompetenz zu entwickeln. D.h., das Sortiment ist da sowohl breiter, als auch tiefer geworden.
Ausserdem können wir über unsere Grossisten jedes lieferbare Buch, in der Regel, von einem Tag auf den anderen, bestellen!

Was macht den besonderen Reiz Eurer Buchhandlung aus? Gibt es ein klares Alleinstellungsmerkmal?

Wie gesagt – wir sind die älteste Buchhandlung Berlins; dies allerdings ganz im Sinne Friedrich Nicolais, die sich bis heute der Aufklärung verpflichtet sieht.
Friedrich Nicolai, der Sohn des Gründers Gottlieb Nicolai, hat die Buchhandlung in der Zeit der Aufklärung berlinweit bekannt gemacht. Mit unseren kostenfreien Veranstaltungen versuchen wir dem Rechnung zu tragen, indem wir aktuelle Themen ins Gespräch bringen oder, wie in diesem Frühjahr geschehen, Informationsabende für Sprachpaten durchführen, die Geflüchteten helfen wollen, die deutsche  Sprache zu erlernen.

Viele Buchhandlungen bieten inzwischen auch einen Onlineshop. Da hilft Euch in der Branche das Großhändler-System, das anderswo längst ausgestorben ist. Willst Du verraten, wieviel Prozent Eurer Umsätze Ihr online macht und wieviel davon von den Kunden zur Abholung im Laden bestellt wird?

Wir liegen hier im kleinen einstelligen Bereich und motivieren unsere Kundschaft, wenn sie online bestellen wollen, erstens dies über unseren Online-Shop zu tun und zweitens, die Bücher bei uns im Laden abzuholen. Der Vorteil für die Kunden besteht darin, dass sie nicht auf ihr Paket in der unendlichen Postschlange warten müssen. Unser Vorteil besteht aus höherer Provision beim Grossisten und darin, dass der Kunde mal im Laden war und ihn ‚fühlen‘ konnte. Ausserdem, sollte der Kunde noch Fragen oder weitere Wünsche haben, kann er sich dann von der geballten Fachkompetenz der Mitarbeiter überzeugen. Das bekommt man so nicht im Netz!

Würdest Du interessierten Unternehmern empfehlen, alteingesessene Buchhandlungen im Rahmen einer Unternehmernachfolge weiterzuführen? Was müssen sie beachten, um im Wettbewerb bestehen zu können?

Als erstes würde ich im Vorfeld dazu raten, den Standort zu überprüfen, ob er noch funktioniert, ob er Perspektive hat und wie lange.
Sollte dies alles positiv sein, dann hat man eine gute Ausgangssituation, weil man schon einen Kundenstamm übernimmt. Sicherlich ist eine Neuausrichtung in vielen Fällen vonnöten, die jedoch nicht zu brachial ausfallen sollte, um die Stammkunden nicht zu verschrecken. Modifikationen in der Sortimentsstruktur fußen ohnehin besser auf den am Standort gemachten Erfahrungen.
Sollte es sinnvoll sein, den Namen und/oder Bestand zu übernehmen, um die Buchhandlung andernorts weiterzuführen, ist es fast wie eine Neueröffnung, mit der Erweiterung, den Stammkunden den neuen Einkaufsort anzudienen.

Die Initiative „Buy Local“ ist ursprünglich von Buchhändlern gestartet worden. Siehst du das lokale und – sorry – nachhaltige Einkaufen als Trend für die Zukunft, auch bei jungen Leuten?

Durchaus! Es geht ja zum einen darum lokale Strukturen zu erhalten, zum anderen aber auch darum, CO2-Emissionen zu minimieren. Unsere Buchhandlung ist inzwischen klimaneutral, da wir vollständig auf LED/Energiesparlampen (Einsparung von 90%) umgerüstet, Geräte mit höchster Enegieeffizienz installiert haben und der World Forest Foundation beigetreten sind, die für die bei uns noch im CO2-Footprint verbliebenen vier Tonnen CO2 Wald, zur Bindung von CO2, angebaut haben.

Wenn es wirtschaftlich leistbar wäre: Würdest Du Filialen der Nicolaischen eröffnen und wenn, am liebsten wo?

 Ja, sofort und natürlich in Berlin.

Nicolaische Buchhandlung, Rheinstr. 65, 12159 Berlin (Friedenau)

Foto: Nicolaische Buchhandlung
Foto: Nicolaische Buchhandlung

Interview: Alexander von Keyserlingk
Titelfoto: Nicolaische Buchhandlung

2 Gedanken zu “Die Nicolaische Buchhandlung in Berlin.

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