Einkaufen kann wertvoll sein.

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An manchen Orten kostet ein Ladenlokal in ‚hochfrequenter 1A-Lage‘, wie stark besuchte Fußgängerzonen im Fachjargon klassifiziert werden, bis zu 250 € Miete im Monat – pro Quadratmeter. Ein mittelgroßer Modeladen z.B. zahlt also alle dreißig Tage 50.000 €, nur für seine vier Wände. Und hat damit noch keine Nebenkosten, Mitarbeiter, Werbung – vor allem aber keine Ware finanziert. Wo ist der Sinn?  

Es gab schon immer luxuriöse Einkaufsstrassen, exklusive Adressen und Geschäfte, die zahlungskräftigen Menschen vorbehalten waren. Dort konnte man handgefertigtes kaufen, rare Spezialitäten, Manufakturprodukte. Aus seltenen Rohstoffen, kostbar, Unikate bisweilen. Der hohe Preis dieser Produkte entstand aus Ihrer natürlichen Knappheit.

Heute wird der Produktpreis durch die zu erzielende Rendite, den Gewinn, „von oben“ bestimmt. Beispielhaft etwa so: Marketing plus (Übersee-)Logistik plus Laden-Miete plus gewünschter Ertrag gleich fiktiver Verkaufspreis. Nun geht’s umgekehrt zurück: Das Produkt darf lt. Zielgruppenanalyse nur soundsoviel kosten, dann bleibt für den Wareneinsatz (Material, Löhne, Fertigung, Verpackung) mit Zähneknirschen, sagen wir, 10% vom Verkaufspreis.
Schräg? Normal.

Was bezahlen wir also?
Die gestresste, uninformiert gelassene Aushilfe an der Kasse? Das freundlich-statische
 Wegeleitsystem? Die Rolltreppen im lifestyligen Flagshipstore? Die schillernde City-Light-Kampagne? Den einkalkulierten Rabatt? Gar das Produkt?
Auf jeden Fall bezahlen wir Gedrängel, Gepöbel, grelles Licht, ausgetüftelt wenig Umkleidekabinen, aufsteigende Hitze. Mit Streß, Frust, Umtäuschen, dem ewigen Gefühl, doch noch zuviel bezahlt zu haben. Auch eine Art von Einkaufserlebnis.

Die Nebenstraßen sind leer, die Läden dort sind fort oder doof. Wer um die Ecken schaut, sieht es überall, in der Metropole und in der Kreisstadt. Bestenfalls als Blickfang beim Rückstau zum Parkhaus nimmt man den Hörgeräte-Akustiker, den Balkan-Grill, das City-Hotel Garni wahr.

Doch da – gleich zu Beginn der Parallelstraße, in ausgewiesener 2B-Lage, wirft ein erleuchtetes Schaufenster leicht violette Schatten auf den Gehweg. Sieht irgendwie anders aus. Der Anzug ist raffiniert geschnitten, hat einen tollen Griff. Preislich gerade noch im Limit, die Beratung respektvoll, fast freundschaftlich. Über die Ware in der Tragetasche wird Seidenpapier gelegt. Aus Respekt vor dem Anzug. Auf Wiedersehen, und vielen Dank. Das muß ich meinem Kollegen erzählen, den Laden kennt der bestimmt nicht.

Daneben duftet es nach Frischem, leise Gespräche vor zischendem Milchaufschäumer. Es wird gemunkelt, daß gegenüber bald zwei neue Geschäfte eröffnen, wenn das Haus fertig renoviert wurde. Die Mieter können gemeinsam den Innenhof nutzen, für die Gartenmöbel-Ausstellung, ein temporäres Zelt mit Kosmetikberatung, das Sommerfest, den Weihnachtsmarkt. Eine Schmuckgalerie mietet sich im Gewölbekeller ein.

Hier müßte einer jetzt noch den alten, holzvertäfelten Optikerladen in Nr. 12 übernehmen, der letztes Jahr aufgegeben hat.
Die Miete ist günstig, die Zeit ist reif.

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