Eine Zeitkonserve: Schambach Berufskleidung.

Foto: http://www.haraldschroeder.de

Aus dem Buch „Zeitkonserven – Frankfurter Traditionsgeschäfte“.

„50 Jahre und zehn Monate.“ Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Die Frage war nicht, wie alt Christa Kolb ist, sondern wie lange sie schon bei der Firma Schambach angestellt ist. Sie sei direkt nach der Volksschule in das traditionsreiche Fachgeschäft an der Konstablerwache gekommen und habe da ihre Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann begonnen. „Die Bezeichnung Einzelhandelskauffrau gab es zu der Zeit noch nicht“, erinnert sich die heute 65-Jährige.

Gelernt habe sie noch beim alten Herrn Schambach, dem Vater von Hannelore Schambach, die leider im Januar 2009 verstorben ist. Frau Kolb ist sichtlich gerührt vom Verlust ihrer Chefin. „Wir sind alle sehr, sehr traurig, dass sie nicht mehr unter uns ist“, sagt sie. Sie zieht die Trauerkarte, die vor ihr auf dem Schreibtisch steht, näher heran. „Das ist sie.“ Sogleich verbessert sich Frau Kolb. „War sie.“

Die Karte steht nicht nur im Büro, sondern auch im Verkaufsraum, auf dem niedrigen Regal hinter dem Verkaufstresen. „Bis sie nicht mehr konnte, war die Kasse immer der Platz von Frau Schambach“, erzählt Margot Glaser, eine andere langjährige Mitarbeiterin, „so soll es bleiben.“

Sie sei eine tolle Chefin gewesen. „Sehr sozial, sehr gerecht. Man konnte mit allem zu ihr kommen.“ Das sei schon bei ihrem Vater so gewesen. „ ‚Einer für alle, alle für einen‘ haben wir immer gesagt. Es war etwas ganz Besonderes, hier zu arbeiten“, so die 73 Jährige. Bis weit über 80 sei Herr Schambach im Geschäft gewesen. Das hatte seine Tochter eigentlich auch geplant.“ Nun sei sie mit 78 Jahren gestorben. „Wir haben so lange zusammen ge­arbeitet, und als ich ihr mit 61 Jahren sagte, dass ich jetzt in Rente gehe, da hat die Frau Schambach geweint.“ Zwölf Jahre ist das her, erinnert sich Frau Glaser. Doch wirklich in Rente sei sie nie gewe­sen. Nach wie vor habe sie tageweise in Laden gestanden.

Das soll sich nun ändern. So wünscht es sich zumindest ihr Mann, der den Unruhestand seiner Frau  nicht mehr länger hinnehmen möchte. „Irgendwann muss mal Schluss sein“, sagt die ältere Dame. Ausserdem merke sie, dass ihr die Arbeit nicht mehr so leicht von der Hand gehe. Wirklich überzeugend klingt das nicht. „Der Laden ist mein Leben“, sagt sie. „Selbst wenn ich im Urlaub war, habe ich immer mal angerufen, um zu hören, ob alles in Ordnung ist. Da ist so eine tiefe Verbundenheit, wahrscheinlich kann das heutzu­tage niemand mehr nachvollziehen.“

Auch das Verhältnis zu den Kolleginnen sei damals ein anderes ge­wesen. Von der alten Garde ist neben ihr heute nur noch Frau Kolb übrig geblieben. Die beiden duzen sich – schließlich kennt man sich schon über ein halbes Jahrhundert. Mit den anderen Kollegin­nen sind die beiden Damen, obwohl man sich natürlich gut ver­stehe, aber per Sie.

Obwohl im Hause Schambach vieles nicht mehr so ist wie früher, ist und bleibt manches, wie es schon immer war. Die fachkundige Beratung beispielsweise. Man habe auch schon tolle Kunden im Laden gehabt. Richtige Prominente sogar. Den Professor Grzimek, „Das war ein großer, stattlicher Mann. Im Fern­sehen wirkte er immer so klein“, erzählt Frau Glaser. Heinz Schenk brauchte Kochjacken für den „Blauen Bock“, „und Lia Wöhr kam und kaufte für ihre Mutter einen Strickunterrock“. Doch ein ganz besonderes Erlebnis sei es gewesen, als der Sänger Ivan Rebroff im Laden gestanden habe und sich neue Unterwäsche kaufte. „Das war so ein netter, freundlicher Mann! So unglaublich sympathisch, genau wie auf der Bühne“, schwärmt sie.

Nichts geändert hat sich auch an der Einrichtung. In meterlangen hölzernen Theken, Vitrinen, Regalen und Schubladen verbirgt sich Berufskleidung. „Vom Arztkittel bis zur Zimmermannshose bekommen Sie alles bei uns“, erklärt Frau Kolb. Nur Richterroben führe man nicht.

Foto: http://www.haraldschroeder.de

Insgesamt habe sich die Berufskleidung während der ganzen Jahre schon sehr stark verändert. Richtig modisch sei sie geworden. So gebe es heute nicht nur weiße Kochjacken, sondern auch graue oder schwarze. Allein die Knopfauswahl sei schon unwahrschein­lich. Von lachenden Gesichtern bis zur Nudel sei alles vorhanden. „Es gibt sogar welche in Form von Hummern, aber die möchte ich nicht zumachen müssen. Das ist ein ganz schönes Gefutzel“, sagt Frau Kolb. Dafür seien sie aber sehr hübsch anzusehen. Neben der Berufskleidung gibt es bei Schambach auch noch Socken, Schlafanzüge, Feinrippunterhemden, Nachthemden, Nachtschuhe und gehäkelte Bettjäckchen, damit frau sich nicht den Charakter erkäl­tet, wie es so schön heißt. Selbstverständlich führt man hier auch Damenunterwäsche, „aber elegant, nicht so altbacken, sondern mit Spitze“, unterstreicht Margot Glaser. Und auch Kittelschürzen be­kommt man hier noch: geblümt, gestreift, uni, mit oder ohne Arm. Obwohl, so Christa Kolb, die Nachfrage hier in den vergangenen Jahren zurückgegangen sei. Dabei seien sie so praktisch, gerade im Sommer. Und so einfach durchzuwaschen. Wirklich praktisch! Aber die Mode ändere sich eben. Und manches komme ja auch wie­der. So wie die Vorliebe einiger Architekten für die 1950er-Jahre, wie man am neuen Einkaufszentrum MyZeil sehen könne. Bei Schambach sei die Einrichtung noch original.

Sie selbst sei schon dort gewesen, Rolltreppe gefahren und fand es sehr imposant, erzählt Christa Kolb. Allerdings der Name, der sei irgendwie eigenartig. Denn was sich fast frankfurterisch anhöre, sei ein englischer Begriff. Das sei schon komisch. Sie selbst bemühe sich übrigens nicht, ihre Mundart zu verbergen, sagt Frau Kolb. Schließlich sei das ja nichts, wofür man sich zu genieren brauche. Und es gebe eine Reihe von Kunden, die sich freuten, in Frankfurt noch echte Frankfurter zu treffen. „Die sind nämlich auch selten geworden.“

Ebenso wie Geschäfte wie dieses.

Von Julia Söhngen.

Schambach Berufskleidung, Fahrgasse 111-115, 60311 Frankfurt/Main.

Das Buch „Zeitkonserven“ ist zu beziehen über den CoCon-Verlag.

2 Gedanken zu “Eine Zeitkonserve: Schambach Berufskleidung.

  1. Die passende Berufsbekleidung sollte nicht nur den qualitativen Anspruch eines Unternehmens gerecht werden, sondern auch stimmig zur Identität passen. Das ist in heutiger Zeit zwingend notwendig, finde ich. Toller Artikel, besten Dank!

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