Slowretail – jetzt erst recht!

Die aktuelle Schließung fast aller Läden fast überall auf dieser Welt ist eine so historische wie hoffentlich einmalige Maßnahme. Sie ist bekanntlich dem globalen Kampf gegen eine vielfach tödlich wirkende Virusinfektion geschuldet, die besser fiktiver Stoff für Science-Fiction-Romane geblieben wäre. Es ist eine harte Zäsur, die viele kleine und auch große Unternehmen nicht überleben werden können. Es ist zugleich ein mögliches Zurücksetzen der eingefahrenen Strukturen des inhabergeführten Einzelhandels.

Nein, ich werde jetzt nicht die viral populäre Phrase „Krise als Chance“ bemühen, sondern möchte Händlern vielmehr (unbequemer) nahelegen, dass ihre Verantwortung für die Marktberechtigung ihres Unternehmens jetzt größer denn je ist. Irgendwann werden alle, die es noch können, ihre Läden wieder öffnen. Sie werden vielleicht den Staat um Hilfe gebeten haben müssen, sich die Wunden lecken, scheinbar als der Stärkere oder glückliche Gewinner im Wettbewerb aus der dunklen Zeit hervorgehen. Viele Händler werden die erlittenen wirtschaftlichen Schäden als höhere Gewalt verbuchen, die sie fremdbestimmt Verluste hat einfahren lassen. Unternehmerinnen und Unternehmer werden am Vortag der Wiedereröffnung den Staub aus den Regalen gepustet, vielleicht die Schaufenster geputzt haben und dann in alter Vertrautheit genau jenes Geschäft neu eröffnen, das in vielen Fällen vor der Pandemie – Hand auf’s Herz – schon nur noch eher mühsam lief.

Es wird spannend sein, zu erleben, wie Händlerinnen und Händler die lange Zeit der verordneten Schließung kreativ zur Selbst-Optimierung genutzt haben, wie sie längst fällige Modernisierungen ihrer Sortimentskonzepte und Vertriebsmaßnahmen angepackt und vielleicht sogar schon sichtbar verändert haben. Klar, für finanzielle Investitionen fehlte natürlich entweder das Kapital oder der Mut oder beides. Das ist nur verständlich. Aber was ist mit den strategischen und kostenneutralen Innovationen, über die man sich endlich mit Muße und Kreativität Gedanken gemacht und die man angeschoben haben konnte? Nicht jede Veränderung des Gewohnten muss Geld kosten, es geht auch grundsätzlich um (die Bereitschaft zur) Veränderung der eigenen Wirkung als modernes Einzelhandelsunternehmen.

Fast jeder Einzelhändler dieser Welt hatte in diesem Frühjahr eines neuen Jahrzehnts, absolut einmalig, wochenlang Zeit zu hinterfragen, was ihn nach der Krise erfolgreicher machen würde als davor. Das Argument, für derartige Überlegungen oder Maßnahmen sei im Tagesgeschäft beim besten Willen keine Zeit, gilt nicht mehr. Ich erlebe oft, dass Händler z.B. ihre Schaufenster nur monatlich neu dekorieren, weil das zu aufwändig und häufiger nicht zu schaffen sei. Es ist vielerorts gewohnt gelebt, dass die Sortimente und Marken seit Ewigkeiten unverändert bleiben, dass keine, die Kunden überraschenden, Interventionen gesetzt werden, dass Warenpräsentationen inspirationslos und standardisiert, nicht selten von den Lieferanten getrieben, bleiben. Man machte halt das, was man immer schon machte und wunderte sich mittlerweile schon ziemlich lange nicht mehr, dass immer weniger Kunden kamen und kauften. Irgendwie lief es gerade noch so, zum Sterben noch zu gut.

Die glücklichen Gewinner der Pandemie werden wohl jene überlebenden Einzelhändler sein, die nach neuen Lieferantenquellen recherchiert haben, die die längst eingeschlafenen (oder dem Virus zum Opfer gefallenen) Hersteller ersetzen. Händler, die ihr Sortiment um weitere, inspirierend überraschende Produkte auch aus anderen Branchen ergänzen. Unternehmer, die die Wochen der Schließung kreativ in ihren Läden verbracht haben und die Präsentationen immer wieder umgebaut und schließlich erlebbar verbessert, die Wegeführung umgeplant und neue Eyecatcher geschaffen haben. Oft fehlt hierfür nur ein Tisch oder ein Regal, ein Klecks frischer Farbe und ein punktueller Lichtspot, das bereits vieles verändern hilft. Jene Händler werden sich durchsetzen, die sich ein neues Konzept für die Schaufenster überlegt haben, das es zulässt mit wenigen Handgriffen jeden Tag neue Impulse nach außen zu setzen (Stichwort „Produkt des Tages“) und die diesen Impuls ebenso effektiv mit ein paar Klicks in ihrem bevorzugten (und nun bestens modernisierten) Social Media-Medium posten. Dann macht es auch Sinn, die Kunden zu einem Sommerfest in den Laden einzuladen und ihnen die neue Identität zu zeigen und zu erklären. Mit neuem Stolz nach der Krise, mit gefestigter Persönlichkeit als individueller Einzelhändler, der seiner Marktberechtigung mit Stärke statt Resignation begegnet. Die bestehenden Kunden werden kommen, wenn sie es wieder dürfen und sie werden entscheiden, ob es sich gelohnt hat. Von den neuen ganz zu schweigen.

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