Schnellerhöherweiter.

„Und am Ende der Straße steht ein Haus am See … Ich hab‘ zwanzig Kinder, meine Frau ist schön“ – dieser Text stammt von Peter Fox und wird im sehr lesenwerten Artikel aus der WAZ dieses Wochenendes als ironisierte Metapher für die Schnellerhöherweiter-Gesellschaft treffend zitiert:

„Die Krise lehrt uns das Scheitern

WAZ Kultur, 23.05.2009 von Britta Heidemann

Mein Bundespräsident der Stunde, es wäre: die, die es nicht wird. Denn keiner könnte die aktuelle Republik würdiger vertreten als eine Verliererin – als lebendiges, lustig-gelocktes Beispiel dafür, dass die Zeit der Gewinner endlich vorbei ist.
Endlich? Endlich!

Ich bin ein Fan der zweiten Sieger. Ich liebe James Dean, nicht James Bond – und das Theater sowieso mehr als das Kino: weil es die wirklich interessanten Menschen zu Helden macht, die Gefallenen, Gestrauchelten, Gebrochenen. Erfolg ist mir suspekt. Aus der Seele singt mir Peter Fox, der unseren Traum vom „Haus am See” so wunderbar karikiert: „Ich hab zwanzig Kinder, meine Frau ist schön” – ironischer könnte man unser hechelndes, japsendes Alles-habenwollen kaum besingen.

Wen zählt die Republik zu den Erfolgreichen? Nicht den Dichter, den Philosophen, den Denker. Sondern den Firmengründer, den Villenbesitzer, den Multimilliardär. Wir sind Jünger von Bill Gates, Donald Trump, Warren Buffet. Und sollte einer dieser Motivationskünstler aus Versehen einen Ratgeber zur „Kraft des Scheiterns” schreiben, dann unter diesem Aspekt: dass das Stolpern uns Schwung gibt für den nächsten Coup. Wenn einer heute über sein Stolpern spricht, dann nur, weil es längst wieder rund läuft. In Köln steigt bald im Zeichen der Zeit eine „Konferenz der Misserfolge”, die gescheiterte Unternehmer versammelt. Hübsch. Aber ich weiß, was man dort hören wird: Immer einmal mehr aufstehen als hinfallen! Aus Fehlern lernen! Die Krise als Chance!

Dabei will ich doch nichts lieber, als einfach mal liegenbleiben dürfen, dort unten im Staub der Straße. Und ein bisschen nachdenken, singen, Holzflöten schnitzen.

Als Frau Schaeffler im roten Schal sich selbst zu Grabe trug, da war sie mir Tschechows Ranjewskaja, die ihren Kirschgarten verliert. Und ich dachte: Sie hat es hinter sich. Muss nicht mehr bangen, ob sich der letzte Erfolg wohl wiederholen, steigern lässt.

Dies ist das erste Problem mit dem Erfolg: Wohin führt er uns? Immer höher hinauf doch nur, in einer gnadenlosen Aufwärtsspirale hin zu dem Punkt, an dem man sich nicht mehr übertreffen, es nicht mehr besser machen kann. Und dann? Stürzen wir ab; im Ohr pfeifen der Wind und die Fantastischen Vier: „Ist alles-alles nur Show, nur Phallus-Phallussymbol . . . Hast Milliarden auf der Bank – was kommt dann? Haus mit Garten am Strand – was kommt dann?”

Das zweite Erfolgsproblem ist ein semantisches, es hat mit den Ursprüngen des Wortes zu tun. Der „Erfolg”, wie wir ihn kennen, stammt aus dem Unternehmertum, welches den einst so unschuldigen Begriff für seine Zwecke missbrauchte. „Erfolg” war vor 200 Jahren noch das schlichte Erfolgen einer Geschichte, deren gefälliger Ausgang mit „Sieg” oder „Glück” bezeichnet wurde. Da beides nicht so recht passen mochte zum Geschäftsbericht eines Industriellen, erfand man den unternehmerischen Erfolg – und als dunklen Bruder den Misserfolg.

Wenn wir uns selbst zu „Erfolg” antreiben, betrachten wir uns als Fabrik, als Produktionseinheit. Was für ein Menschenbild ist das?

Selbst die Bundeskanzlerin meldet gerade leise Zweifel an, ob erfolgreiches Wachstum weiterhin das einzige Gebot des Wirtschaftens sein kann. Was heißt das für unser eigenes Leben? Wenn wir klug sind, lernen wir aus dieser Krise: das Scheitern in gelassener, ergebener Heiterkeit. In einer echten Absage an das ewige Höherschnellerweiter läge eine echte Chance: ein echter Held zu werden, der jeden Hamlet, jeden Ödipus übertrifft, im grandiosen Taumel menschlicher Erkenntnis – der, in echt jetzt, krisenbedingten Misserfolg in persönliche Größe verwandelt. Der also: echt ist.
Die zweiten als erste

Wir, die zweiten, wären dann endlich die ersten. Die ersten, die sich ganz entspannt im Glanz ihres eigenen Misserfolgs sonnen: „Versuch, versuch es!”, schrieb einst Kurt Tucholsky: „Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sage, es ist ein Essay.”

Da haben Sie es!“

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